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Was ist der Wertekompass, und wie findest du deinen?

11 Min.

Hast du dich schon einmal bewusst mit deinen Werten auseinandergesetzt? Oder hast du es vor? Die Erkenntnisse daraus bilden die Grundlage für deinen persönlichen Wertekompass. Du kannst ihn an dein eigenes Handeln und an das anderer anlegen und so Persönlichkeitsausprägungen sichtbar machen. Ein echter Gewinn, im Beruf wie im Privatleben.

Entwickle dein Wertebewusstsein

Schau dir genauer an, welche Werte für dich Bedeutung haben und warum. Lass dich dazu auf die folgenden Schritte ein.

1. Schritt: Reflektiere dich und dein Tun

Stell dir vor, du suchst hinter allem, was dich beschäftigt, den Grund. Du fragst: Warum ist das so? Wofür mache ich das? Du löst dich von der aktuellen Bedeutung und vom täglichen Tun. Deine Gedanken verlassen das Konkrete. Bist du angekommen? Dann stell dir drei Fragen:

  1. Wer bin ich als Person? Warum und wofür?
  2. Was bin ich in den Rollen meines Lebens? Warum und wofür?
  3. Wofür bin ich gemeint, mit Blick auf mein ganzes Leben? Warum?

Den letzten Punkt hat Robert S. Hartman schön beschrieben: Das Ziel jedes Menschen sollte sein, das Universum zu bereichern, und zwar auf seine einzigartige Weise. Wir alle sind Individuen, Hartman sagt sogar: kosmische Ereignisse. Mit der Kombination unserer Talente können wir dazu beitragen, dass die Welt lebenswerter wird.

Das klingt vielleicht idealistisch. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt, wie viele Herrscher und andere Menschen die Welt nicht bereichert, sondern beschädigt haben. Wir stehen auf den Schultern von Giganten, die uns einen Start auf hohem Niveau ermöglicht haben. Das macht dankbar. Und die schlechten Beispiele mahnen uns, selbst etwas Positives beizutragen.

2. Schritt: Wechsle die Perspektive

Kommst du ins Grübeln? Das ist normal, und die Auseinandersetzung mit dir selbst lohnt sich. Du kannst sie auch auf andere übertragen. Wie beantwortest du die folgenden Fragen für eine Person, mit der du gerade im Clinch liegst?

  1. Wer ist dieser Mensch? Warum und wofür?
  2. Welche Rollen nimmt diese Person ein? Warum und wofür?
  3. Wofür ist sie gemeint und damit auch gut? Warum?

Gelingt dir der Perspektivwechsel? Dann hast du den Raum des grundsätzlichen Wertekompasses betreten. Du musst nicht jeden Tag darüber nachdenken, aber immer wieder einmal, um dich von der operativen Geschäftigkeit und den momentanen Befindlichkeiten zu lösen.

Für den Alltag kannst du die Übung mit Punkten greifbar machen, für dich selbst und für andere: Bewerte die Güte deiner Antworten auf einer Skala von null (kann ich nicht einmal im Ansatz beantworten) bis zehn (ist mir glasklar). Je nachdem, ob du eher zur Unter- oder Überschätzung neigst, wird sich immer eine gewisse Verzerrung ergeben.

Bei Fremdbildern liegen wir oft daneben. Es lohnt sich also, immer wieder tief in den Spiegel zu schauen. Ich selbst stelle häufig fest, dass ich beim Blick auf andere zu schnell von mir auf sie schließe und zu wenig Empathie aufbringe. Niedrige Punktzahlen zeigen mir dann, dass ich mich intensiver mit den Interessen und Gefühlen der anderen Person befassen muss. Erst wenn ich sie gut verstehe, kann ich mich ihr gegenüber verständlich machen.

3. Schritt: Entwickle ein Bewusstsein für deine Werte

Vielen fällt es schwer, das eigene Handeln und Denken kritisch zu durchleuchten. Doch genau das ist die Voraussetzung, um ein Bewusstsein für die eigenen Werte zu entwickeln. Man beginnt wie ein Kleinkind mit den ersten wackeligen Schritten.

Ähnlich ist es, wenn ich ein neues Klavierstück einstudiere. Am Anfang spiele ich sehr, sehr langsam, und zwar mit voller Absicht. Nur so bilden sich die Verbindungen im Gehirn, mir werden alle Töne im Zusammenklang bewusst, und ich treffe sie richtig. Erst wenn ein Stück langsam sitzt, werde ich nach und nach schneller. Genau hier kommen die drei Wertedimensionen ins Spiel: fühlen, denken und handeln.

Das „Wie“ im Denken und Handeln

Was von einem Gespräch hängen bleibt, ist oft weniger der reine Inhalt als die Art, wie er vermittelt wurde: Tonfall, Körpersprache, Bewegung im Raum, Sprache und vor allem Emotion. Das „Wie“ wirkt häufig stärker als das „Was“.

Wer zuhört, erinnert sich später vor allem daran: Wie hat die andere Person ihre Botschaft rübergebracht? Welche Gefühle und Bilder sind mir geblieben? Was bedeutet das für mich? Hand aufs Herz: Wie viel Zeit verwendest du darauf, das „Wie“ deiner Kommunikation vorzubereiten?

Der Familienrat. Bei uns zu Hause tagt einmal pro Woche der Familienrat, meist am Wochenende. Regelmäßig ertappe ich mich dabei, wie ich kurz vorher versuche, mir die Themen der Woche ins Gedächtnis zu rufen. Meistens fällt mir wenig ein. Aber ist das überhaupt so wichtig? Sollte ich nicht lieber die Augen schließen und nachspüren, wie es den anderen diese Woche ergangen sein könnte? Welche guten und schlechten Gefühle sie hatten? Was ich selbst erlebt habe? Und in welchem Ton ich unser Treffen beginne, damit sich alle abgeholt fühlen?

Deine Werte in Balance

Stell dir nun vor, du verbindest die Ergebnisse deiner Vorbereitung mit den drei Wertedimensionen und prüfst jeden Schritt auf eine gute Wertebalance. Nach der Wertehierarchie gilt: Herz ist wertvoller als Hand, und Hand ist wertvoller als Hirn. Trotzdem haben alle drei ihre Berechtigung und werden gebraucht.

Das Zusammenspiel von Herz, Hand und Hirn

Um zu erkennen, wie die Wertedimensionen bei dir wirken, kannst du einfach mit Prozentzahlen arbeiten. Die meisten haben ein einigermaßen realistisches Bild von sich und können schnell einschätzen, welche Anteile Herz, Hand und Hirn haben. Bist du ein herzenswarmer Typ mit 60 : 20 : 20? Ein Macher mit 20 : 60 : 20? Oder ein Denker mit 10 : 10 : 80?

Antworte spontan: Wie bist du grundsätzlich gestrickt? Lass dann typische Situationen aus dem Beruf oder anderen Lebensbereichen vor deinem inneren Auge ablaufen und schätze dich erneut ein. Weichen die beiden Werte voneinander ab? Beginnt etwas in dir zu arbeiten? Probier die Methode auch einmal an anderen Menschen aus.

Vielen fällt es leichter, wenn sie sich nicht auf insgesamt 100 Prozent festlegen müssen, sondern für Herz, Hand und Hirn jeweils so viele Punkte vergeben, wie sie wollen. Bist du vielleicht ein 90 : 70 : 10-Typ, der das Menschliche in den Vordergrund stellt und gern etwas voranbringt? Ein Pionier mit Empathie und Plan, 70 : 95 : 70? Oder der sprichwörtliche Allrounder auf hohem Niveau mit 80 : 80 : 80? Frag dich selbst, und bitte andere um ihre Einschätzung.

Wertekompass mit System

Noch systematischer gehst du vor, wenn du die folgenden drei Satzanfänge ergänzt, ohne lange nachzudenken:

  1. Menschlich zu sein bedeutet für mich …
  2. Etwas zu schaffen bedeutet für mich …
  3. Etwas zu planen bedeutet für mich …

Stell dir vor, du gibst diese Aufgabe als Führungskraft an ein Mitglied deines Teams weiter. Angenommen, das Ergebnis lautet:

  1. Menschlich zu sein bedeutet für mich Gefühlsduselei.
  2. Etwas zu schaffen bedeutet für mich sinnloses Schuften.
  3. Etwas zu planen bedeutet für mich Zeitverschwendung.

Wird diese Person gut im Team kooperieren und maßgeblich zum Erfolg beitragen? Wohl kaum. Eine andere Antwort könnte so aussehen:

  1. Menschlich zu sein bedeutet für mich, eine unglaubliche Energie zu entfesseln, die anderen und mir hilft, Freude zu entwickeln und ein gelungenes Leben zu führen.
  2. Etwas zu schaffen bedeutet für mich, dass andere und ich davon Nutzen haben.
  3. Etwas zu planen bedeutet für mich große Anstrengung bei relativ wenig Nutzen.

Meine Schlussfolgerung: Diese Person würde ich behutsam führen. Ich gebe ihr Aufgaben, die sie fordern, aber nicht überfordern. Ich setze sie nah an anderen Menschen und operativ ein, nicht für Aufgaben, die Weitblick oder strategisches Denken verlangen.

Das klingt zunächst so, als sei zwanghaft eine positive Einstellung gefragt. Um tiefer zu gehen, nutze eine einfache Systematik: Bewerte jede Satzergänzung dreifach nach Herz, Hand und Hirn, jeweils von null (gar nicht vorhanden) bis zehn (perfekt). Wie viel Menschlichkeit steckt darin? Wie viel Handlungsorientierung? Wie viel Überlegung? Das geht schnell und hilft dir, erst dich selbst und dann andere wertemäßig einzuschätzen.

Insgesamt sind 90 Punkte zu vergeben. Das Ergebnis zeigt das Verhältnis der Wertedimensionen zueinander und ergibt einen Gesamtwert, der vorsichtig auf Energie und Engagement schließen lässt. Objektiv ist das nicht, muss es aber auch nicht sein. Mir geht es darum, anders auf mich und andere zu schauen und Intuition mit bewerteten Fakten zu verbinden.

Meine eigene, subjektive Bepunktung siehst du hier als Beispiel. Geh es ruhig anders an. Ich stelle bewusst keine Regeln auf, jeder kalibriert sich selbst. Und nun bist du dran.

Beispiel einer Bepunktung im Wertekompass-Formular
Leeres Wertekompass-Formular zum Ausfüllen

Drei typische Fallen beim Einsatz des Wertekompasses

Zu wenig Übung

Vielleicht bist du jetzt begeistert und möchtest den Wertekompass sofort ausprobieren. Gut so, aber bitte nicht gleich in Situationen, in denen viel auf dem Spiel steht. Dein Erfolg im Beruf beruht zu einem großen Teil auf deinem Autopiloten: Verhaltensweisen, die zigfach erprobt sind und sich bewährt haben. Setzt du eine neue Methode ohne Übung in einer entscheidenden Situation ein, kommst du womöglich durcheinander, und das Ergebnis wird schlechter als ohne. Fang mit kleinen Situationen an und lerne Schritt für Schritt, vom Kleinen zum Großen.

Zu viel Begeisterung

Wenn dich der Wertekompass begeistert, behalte das zunächst noch ein wenig für dich. Menschen, denen du sehr vertraust, kannst du natürlich einweihen, aber bitte nicht missionarisch. In deinem Umfeld kennt man dich, wie du bist. Wenn du plötzlich alles anders machen willst, stößt du eher auf Skepsis: „Da war wohl wieder jemand auf einem Seminar …“. Probier lieber Stück für Stück aus, gewinne Sicherheit und beobachte, was dein verändertes Verhalten bewirkt.

Tunnelblick und Schubladendenken

Wenn du schon eine Weile erfolgreich mit dem Wertekompass arbeitest, wirst du auch darüber sprechen. Hüte dich aber davor, ihn als Pflicht oder Allheilmittel darzustellen. Das erzeugt sofort Widerstand. Hilfreicher sind Angebote, die anderen zu eigenen Einsichten verhelfen.

Und steck Menschen nach einer Einschätzung nicht in eine Schublade. Bezeichne solche Einschätzungen immer als momentanen Eindruck. Viele fürchten, durch solche Methoden einen Stempel aufgedrückt zu bekommen. Manche fänden den Stempel allerdings ganz bequem, weil sie sich dann herausreden könnten: „Ich komme halt nicht aus meiner Haut heraus.“

Checkliste für die Arbeit mit dem Wertekompass

  1. Was ist gerade die konkrete Herausforderung?
  2. Was hat sie mit mir zu tun?
  3. Bin ich wertemäßig auf dem richtigen Weg? Kurzer Check mit dem eigenen Wertekompass.
  4. Wer ist beteiligt? Kurzer Check mit dem Wertekompass der anderen.
  5. Sollte ich aktiv werden, und wenn ja, wie?
  6. Wie plane ich mein Vorgehen gut und setze es um?
  7. Zum Schluss: kritische Selbstreflexion und daraus lernen.

Jetzt hast du einen Eindruck davon, was du mit dem Wertekompass anfangen kannst. Erst die Persönlichkeit der Menschen und ihr Handeln bringen Leben in die Wertelandkarte. In einer Welt voller unterschiedlicher subjektiver Wirklichkeiten bekommst du damit eine Art Navigationssystem, das dir hilft, deine Ziele zu erreichen.

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